Andacht für die Woche:

Predigt vom Pfingstsonntag
31. Mai – 6. Juni 2020
 
Liebe Gemeinde,
die Apostelgeschichte beginnt mit der Himmelfahrt Jesu. Dass er, Jesus nicht mehr da ist, leiblich mitten unter ihnen ist die wohl größte Herausforderung für den Glauben - damals wie heute. Im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte folgt das Pfingstwunder:
 
Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? … Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins. (Apostelgeschichte 2,1-13)
 
Liebe Gemeinde, „Sie waren alle beieinander an einem Ort.“ Verzagt, mutlos: Wie kann Gott da sein, wenn Jesus Christus weg ist? Wenn wir ihn nicht sehen, nicht mit ihm reden können? Dann: das Pfingstwunder - mächtige Bilder, Begeisterung und Dynamik. Ein Himmelsbrausen, ein Geistessturm, der in die Jüngergemeinschaft fährt. Feuerzungen und Zungenrede.
 
Die Wirkung dieses Geschehens könnte wundersamer kaum sein. Es ist nicht zu fassen: Alle Menschen können einander verstehen, sich mitteilen; obwohl sie aus unterschiedlichen Kulturen stammen, verschiedenen Sprachen sprechen, an vielen Orten leben. Alle verstehen die Rede von den großen Taten Gottes. Da ist etwas, das sie alle anrührt, das sie alle verbindet. Und dann gibt es da wirklich für alle diesen einen Ort, an dem sie beieinander sind, obgleich sie an vielen Orten der Welt leben - verbunden durch den Heiligen Geist.
 
Das Pfingstwunder - es ist die Umkehrung dessen, was wir im Alten Testament lesen: Auch damals waren sie alle an einem Ort beieinander - in Babel, als sie den Turm bauen wollten, der bis in den Himmel hinauf reichen sollte. Damals, als die Menschen sein wollten wie Gott - und die Grenzen ihres Tuns zu spüren bekamen. Und dann? Zerstreut wurden sie. In Verwirrung entzweiten sie sich, jeder in seine eigene Sprache, Kultur; jeder in sein eigenes Leben. Sie gingen auf Abstand zueinander, an vielen Orten auf der Welt. Pfingsten kehrt diese Geschichte um: Verbunden, wo Abstand die Oberhand gewonnen hat.  Verbunden mit allen Unterschieden; verbunden im Heiligen Geist: sind sie an einem Ort alle beieinander.
 
Das Pfingstwunder - es ist kaum zu fassen. Und - so wird geschrieben - die, die es erleben, fassen es auch kaum: Entsetzt ist man, ratlos: „Was soll das denn werden?“ Man überspielt das Geschehen mit einem Scherz: „Sie sind voll süßen Weins.“ Schon damals konnte man nicht allzu viel mit den Heiligen Geist anfangen. Heiliger Geist - was oder wer soll das sein? Ist es..., oder er? Ist er eine Kraft Gottes? Ist es Gott selbst? Nicht Vater im Himmel, nicht Jesus Christus, der Sohn - sondern Geist. Ein guter Geist? Eine Energie? Ein Kraftfeld? Und wozu dieser Geist? Was tut er? Hat er am Ende gar etwas mit mir zu tun? Und: will ich das überhaupt? Der Heilige Geist - er lässt sich nicht wirklich dingfest machen; ist nicht greifbar, scheint aber dennoch recht wirksam zu sein.
 
Heiliger Geist - das ist Jesu Antwort auf die Frage: Wo ist denn Gott in meinem Leben? Heiliger Geist - das ist die Antwort auf die Frage: Wer ist denn bei mir? Wer begleitet mich? Wer tröstet mich, wenn ich traurig bin? Wer steht mir bei? Heiliger Geist - das ist die Wirkkraft Gottes im Namen Christi. Das ist das in meinem Leben, das mehr Kraft in sich hat, als ich selbst in mir zur Verfügung habe. Das ist: Sich zusammenfinden, sich versöhnen. Das ist: mutig weitergehen, niemanden unterwegs verlieren und der Angst vor dem Tod ihre Grenze zu setzen. Heiliger Geist - das ist Gott in meinem Leben, das ist Gott mit mir. Und Pfingsten, das ist die Bitte um genau diesen Geist in unserer Welt, in unserem Leben. Pfingsten, das ist die Sehnsucht danach, dass Gott erfahrbar sein möge in meinem Leben - und im Miteinander mit den anderen, zu denen ich so oft auf Abstand gehe.
 
„Sie waren alle beieinander an einem Ort“ - so beginnt die Pfingstgeschichte. Und was, wenn sie nicht beieinander sein können an einem Ort? Wenn Abstand das Gebot der Stunde ist? Wenn sie sich nicht oder nur mit Mühe versammeln können an einem Ort? Zum Gottesdienst, zur Beerdigung, Trauung, Taufe, zum Posaunenchor und Kindergottesdienst? So wie bei uns? Was, wenn „Verbunden trotz Abstand“, „Miteinander trotz Trennung“, „mit Abstand das Beste...“ die Schlagwörter der Stunde sind? Was, wenn wir eben an vielen Orten sind - zu hause, im Garten, auf dem Balkon. Was verbindet? Was bringt uns zusammen an einen Ort?
 
Vielleicht ist es auch das: Gemeinsam ein Ziel vor Augen zu haben - wie die Kinder, die bei uns ab heute zur Dorfrallye eingeladen sind. Sie alle haben ein Ziel vor Augen: Möglichst alle Pfingsttauben an den Fenstern der Häuser aufzuspüren. An den vielen Orten bei uns im Dorf. Vielleicht ist es das, was verbindet: Gemeinsam ein Ziel vor Augen zu haben - den Heiligen Geist aufzuspüren am Fenster meines Hauses; ihm mein Leben zu öffnen. Und dann gibt es ihn da wirklich für uns alle: diesen einen Ort, an dem wir beieinander sind, obgleich noch immer Abstand angesagt ist - verbunden durch ihn, den Heiligen Geist.
 
Wochenspruch (Sacharja 4,6b) Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.
 
In unsere Fürbitte schließen wir ein: - für unsere Gemeinden, dass wir verbunden bleiben im Heiligen Geist
 
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.