Jahreslosung 2017

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Hesekiel 36,26 

Liebe Gemeinde,

erinnern Sie sich, als Sie das letzte Mal ein neues Auto gekauft haben? Auch wenn man kein Autofreak ist: das neue Auto abzuholen, ist schon aufregend. Es riecht neu, es klingt anders als das alte, und obwohl auch dieses Auto ein Lenkrad, eine Bremse, ein Gaspedal - und wenn’s kein Automatik ist - eine Kupplung und eine Gangschaltung hat, muss man sich doch erst ein wenig orientieren. Wo geht das Licht an? Wie öffnet man den Tank? Auf der Straße ist man dann hoffentlich zufrieden: es zieht gut ab, wenn es notwendig ist, es ist angenehm im Fahrverhalten, ich sitze bequem und die Klimaanlage funktioniert. Ein neues Fahrgefühl, und die Freude daran hält hoffentlich eine Weile an. Der alte Wagen war ja auch ok. Aber in letzter Zeit haben die Reparaturen begonnen. Es war die letzte Gelegenheit, noch etwas Geld für ihn zu bekommen. Und es war einfach auch Zeit, für was schönes, neues…..

Ein neues Herz will Gott uns schenken. Was ist falsch mit dem alten? Vielleicht fangen da auch die Reparaturen an? Aber ich glaube nicht, dass es Gott um Bluthochdruck und Herzklappen geht. Nein, es handelt sich nicht um eine Herztransplantation, die er verspricht. Und doch verspricht er: ein neues Herz will er uns schenken. 

Unser altes Herz - es ist zu eng geworden. Wie eine Hose nach den Weihnachtsfeiertagen, es passt nicht mehr. Da empfindet eine statt Mitleid nur noch Wut. Da fühlt einer statt Freude am Glück eines anderen Neid. Und eine andere hat schon längst vergessen, wie staunen geht. Manchmal, wenn ein kitschiger Film im Fernsehen kommt oder ein ganz bestimmter Schlager im Radio, dann wird man daran erinnert, wie weit das Herz damals war, damals, als man frisch verliebt war, damals, als die Kinder klein waren, damals, als man noch ganz wenig hatte und neu angefangen hat und voller Hoffnung war. Dann läuft vielleicht eine Träne über die Wange, und dann geht es weiter mit dem grauen Einerlei. Oder manchmal wird das enge Herz vielleicht etwas leichter, wenn jemand im Urlaub ist, wenn der Alltag weit weg ist, wenn die Augen sich an Bergen oder Meer erfreuen, aber dann geht es wieder nach hause, und wartet jetzt außer dem normalen Stress ein großer Stapel auf dem Schreibtisch und hundert Emails im Postfach. Und das Herz geht wieder zu, schneller als die Bräune im Gesicht verfliegt. 

Unser altes Herz, es ist hart geworden. Zu viele harte Entscheidungen musste man treffen, da kann man sich schon lange kein Mitleid mehr erlauben. Zu oft ist man selber von harten Entscheidungen betroffen gewesen, ohne dass jemand Mitleid gehabt hatte. Zu hart waren die Erfahrung von Trauer und Schmerz, die jemand erlebt hat, als dass er diese Gefühle noch einmal zulassen könnte. Die Ehe war eben am Ende. Sicher tragen beide Verantwortung - aber wer hat hier wen verlassen? Na also. Der Tod eines Menschen war schmerzhaft, aber es muss doch weitergehen, ich kann mich doch nicht gehen lassen, oder? Die Kündigung war kurz, das Gespräch beim Personaler noch kürzer, jetzt steht er da mit 54. Wer soll ihn jetzt noch nehmen? Nur nicht hängen lassen. Es muss weiter gehen. The show must go on.

Unser altes Herz ist hohl geworden. Zu groß waren die Enttäuschungen. So etwas will und kann man nicht mehr zulassen. Man muss die Welt sehen, wie sie ist. Man braucht sich keine Illusionen machen. Und man kann andere gleich davor bewahren. Nein, sagt sie zu ihrer zehnjährigen Tochter, aus dir wird keinen Schönheitskönigin. Du bist zu dick. Und zu seinem achtjährigen Sohn sagt er: du wirst kein Astronaut. Du bist nicht intelligent genug. Peng. Die sollen sich nur nichts einbilden. Hat man nicht selber genug geträumt? Und ist jemals was draus geworden? Nein. Man muss die Dinge nehmen, wie sie sind. Grau, eintönig, genormt. Nur nicht auffallen. Nur nichts anders machen. Nur nicht den Kopf nach oben. Sonst gibt’s eins drauf. Das können die Kleinen gleich lernen. Bleibt ihnen doch viel erspart. 

Manchmal gibt es vielleicht noch ein Echo von den menschlichen Gefühlen für uns selbst, Gott und  den Nächsten, aber es klingt hohl und blechern. Pflichtbewusst schickt einer seine Spende für UNICEF ab, aber wenn er Flüchtlinge auf der Straße sieht, fühlt er Verachtung. Automatisch sagt sie „Ich dich auch“, wenn er zu ihr sagt, „Ich liebe dich“, sie denkt dabei aber längst an die Aufgaben von morgen. Das Kind, das auf der Straße tobt und sich freut - sie empfindet es als laut. Die Gruppe Jugendlicher, die ihm voller Lebensfreude entgegenkommen, er empfindet sie als bedrohlich. Das betagte Paar, das sich im Altenheim gefunden hat, die erwachsenen Kinder empfinden es als lächerlich. Das Herz ist hohl und blechern. Es scheppert höchstens. Aber es empfindet nicht mehr.

Nur: um das zu bemerken, brauchen wir einen neuen Geist. Einen freien Geist. Einen offenen Geist. Einen neugierigen Geist. Wir müssen uns begeistern lassen. Von den Menschen um uns herum. Von ihren Leistungen, die sie erbringen. Von der Musik die wir hören. Von der Landschaft, die wir sehen. Von der Freundlichkeit, die wir erfahren. Von den Gottesdiensten, die wir feiern. Von der Lesung, die wir hören. Vom Leib Christi, den wir empfangen.

Keinen Geist der Furcht. Sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Keinen Geist, der von vornherein verzagt, sondern einen, der sich auf Neues freut. Keinen Geist, der abgrenzt. Sondern ein Geist, der offen ist für andere und anderes. Und dabei auf keinen Fall einen Geist der Unvernunft, der als Strohfeuer verbrennt und nur Asche zurücklässt.

Gott will uns begeistern. Er schenkt uns seinen Heiligen Geist. Bei der Heilgen Taufe ist uns das versprochen. Wie vor einem großen Fest ist das. Man hat viel zu tun, viele Hände greifen ineinander. Alles muss klappen, einer verlässt sich auf die andere. Es muss geplant werden und eingeladen werden, es braucht ein Programm und ein Menu, es braucht Musik und Geschirr, es braucht jemanden, der kocht, serviert und abspült. Der Raum muss geschmückt werden, Blumen müssen her. Der eine kann das, die andere das. Und endlich kommen die Leute. Erst ist etwas Spannung im Raum, aber bald merken alle: es klappt, das Essen ist gut, es reicht für alle, die Leute lachen und unterhalten sich, die Stimmung ist prima. Und obwohl alle Helfer rennen und laufen, obwohl sie schaffen und arbeiten: auch bei ihnen ist die Stimmung bestens. Denn das Fest ist ein voller Erfolg. Alle fühlen sich wohl. Und als dann der letzte Gast gegangen ist, als alles abgespült und aufgeräumt ist, die Toilette geputzt und die Küche wieder sauber, da sitzen die Helfer noch mal zusammen, jeder mit seinem Bier, die eine oder andere etwas vom Braten, was übrig ist oder vom Kartoffelsalat oder vom Kuchen, manche einfach eine Tasse Kaffee. Sie atmen durch, sind müde - und glücklich. Es war ein tolles Fest. Noch lange wird man davon sprechen. Sie haben es geschafft. 

Zu diesem Fest lädt Gott uns ein. Für dieses Fest will er uns begeistern, mit seinem Heiligen Geist. Er nennt dieses Fest: LEBEN.

Wir dürfen leben. In seinem Geist. Mit neuem Herz.

Das neue Herz, das Gott uns schenkt, es brennt für das Leben, das eigene und das, das es um sich herum wahrnimmt. Das neue Herz sieht das betagte Paar im Altnheim turteln und hört wie sie sich Komplimente entgegen brüllen, weil sie sich sonst nicht hören, und glüht vor Freude über das neue Glück. Das neue Herz, das Gott uns schenkt, es schlägt beim Anblick des Partners oder der Partnerin bis zum Hals, wie damals, beim ersten Kuss. Das neue Herz, das Gott uns schenkt, es sieht die Gruppe Jugendlicher, wie sie lachen und kichern, wie sie ihre manchmal groben Witze machen, wie so cool daherkommen, dass die Luft gefriert, wie sie unsicher wegschauen, wenn man sie grüßt, wie sie sich kappeln und Händchen halten - und es wird warm und voller Zuneigung und erinnert sich daran, wie es damals war, als man selber zu so einer Gruppe Teenager gehört hat. Das neue Herz hört die Kinder toben und lachen und weinen und zerspringt vor Glück, weil es an deren Unverstelltheit teilhaben darf. 

Das neue Herz fängt wieder an zu träumen: wie das eigene Leben aussehen könnte, trotz allem. Wie das Leben in der Familie aussehen könnte. Wie die Kirchengemeinde vor Leben birst und wie die Dorfgemeinschaft zusammenhält. Das neue Herz träumt von der Liebe Gottes in dieser Welt, vom Reich, in dem es kein Leid und kein Geschrei mehr gibt. Und dann geht es an die Tat. Dann werden Träume umgesetzt. Sicher gibt es Rückschläge, aber das neue Herz lässt sich nicht entmutigen. Es analysiert die Fehler und Schwachstellen des ersten Versuchs und lässt einen zweiten Folgen.

Das neue Herz, es fängt wieder an zu lachen und weinen, über das eigene Glück und Unglück genauso wie über das der anderen. Eigenes Glück und Leid empfindet es mit aller Macht, genauso wie die Freude mit anderen oder das Mitleid. Und so lachen und weinen die Menschen gemeinsam. Denn uns allen ist das neue Herz und der neue Geist versprochen. Geteilte Freude ist doppelt so groß. Geteiltes Leid ist leider nicht halb so schwer. Aber es hilft, wenn es andere mittragen.

Und das neue Herz ist weit. Enge Grenzen werden weit, starre Regeln durchlässig. Es hat nicht mehr Angst, übervorteilt und betrogen zu werden. Es hat es nicht nötig, sich abzugrenzen, weil es ja weiß, er es ist. Das neue Herz pflegt ein offenes Haus und freut sich über die Menschen, denen es begegnet. Das heißt nicht, dass es blöd ist und sich permanent über das Ohr hauen lässt. Auch das neue Herz erkennt, wenn es ausgenutzt wird. Und kann sich dagegen, wo nötig, auch wehren. Aber es hat keine Angst mehr davor. Und manches kann das neue Herz einfach weglachen. Es kann aber nicht lachen, wenn es sieht, wie schwächere ausgenutzt werden. Es kann auch nicht lachen, wenn es sieht, wie Großzügigkeit missbraucht wird. Das neue Herz ist streitbar. Aber es ist konstruktiv. Es will eine Lösung, keinen Sieg. Das neue Herz ist nicht beleidigt, wenn es zu kurz kommt. Aber vielleicht wütend über Ungerechtigkeit. Diese Wut wird umgesetzt in Aktion, die die Welt gerechter machen soll. Ohne Angst vor scheitern. Denn lieber träumen und scheitern, als alles lassen, wie es ist.

Das ist Gottes Geschenk an uns im neuen Jahr. Ich finde, das klingt vielversprechend. Das klingt wie etwas, worauf wir uns freuen können. Das klingt noch besser als ein neues Auto, denn das neue Herz wird nicht alt, und der neue Geist erst recht nicht. Wir vielleicht, unsere Körper, wir werden alt. Aber das neue Herz und der neue Geist, die Geschenke von Gott, die bleiben jung und frisch.

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes und gesegnetes neues Jahr.

Amen