Jahreslosung 2018

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 

Offenbarung 21, 6

 

Liebe Gemeinde,

 

Durst nach Leben.

Durst nach Leben hat der 15jährige, der sich sein Mofa frisiert hat und mit lautem Geknatter über die Landstraße braust.

Durst nach Leben hat die 18 jährige, die jedes Wochenende bis zur Besinnungslosigkeit Party feiert.

Vom Durst nach Leben zeugen die Piercings und Tatoos, mit denen sich Menschen aller Altersstufen ihre Körper verletzen und verunstalten.

Durst nach Leben hat der 30jährige, der im Betrieb die Leiter nach oben gefunden hat und arbeitet, arbeitet, arbeitet.

Durst nach Leben hat die 40 Jährige, die einen Groschenroman nach dem Anderen verschlingt.

Durst nach Leben hat der 50 Jährige, der seine Familie für eine 25 Jahre Jüngere verlässt.

Durst nach Leben hat die 60 Jährige, die sich die Weltreise ihrer Träume gönnt.

Durst nach Leben hat eigentlich auch der 80 jährige Schlaganfallpatient im Pflegeheim, und doch kommt er nicht einmal mehr alleine an den Schlaftabletten Vorrat, den er sich einmal angelegt hatte für den Fall der Fälle. 

 

Durst nach Leben haben wir Menschen vom ersten Tag an. So, wie wir Durst nach Wasser haben. Durst nach Leben haben wir Menschen bis zu dem Moment, in dem wir aufhören zu atmen. 

Selbst von Menschen, die sich suizidieren, heißt es: er oder sie nahm sich das Leben. Doch um sich das Leben zu nehmen, ist Selbstmord sicher der falsche Weg. 

 

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

 

Warum haben wir Menschen denn alle so einen Durst nach Leben? Wir leben doch. Wir sind doch da. Wir atmen ein und aus. Wir lieben und werden geliebt. Wir erleben Freude und Schmerz, Erfüllung und Enttäuschung. Wir sind doch mitten drin im Leben, egal wie alt wir sind, egal, wie reich oder arm, egal, wie gesund oder krank. Denn all das ist doch Leben. 

 

Das Leben suchen viele Menschen wo anders. Das Leben suchen sie außen. Das Leben haben die anderen. Dabei ist es mitten in uns. Wir sind am Leben. Mittendrin.

 

Und doch scheint es oft vorbeizuziehen. Wie etwas fremdes, was mit mir gar nichts zu tun hat. „Wie die Zeit vergeht, man kriegt es gar nicht mit.“ Das ist ein Gefühl, das viele haben. „Wie das Leben vergeht, man kriegt es gar nicht mit“, ist, was sie damit meinen. Es zerfließt zwischen den Händen wie Sand. Die Stunden, die Tage, die Wochen  - sie sind einfach weg. Ein Tag, eine Begegnung, ein Urlaub, worauf man sich lange gefreut hat - längst Geschichte. Vorbei. Und die Mühle geht weiter. Und wir mitten drin. Oder neben dran. Das Leben fliest dahin wie das Wasser aus der Badewanne. Es gehört uns nicht. Es scheint neben uns zu sein oder außerhalb von uns, wie das Brot im Brotkasten, das auch irgendwann alle ist, und doch ist es doch unser Leben, wenn irgendetwas mir gehört, dann doch mein Leben, oder?

 

Leben ist ein eine Leihgabe. Es gehört mir nicht. Ich bestimme weder seinen Anfang noch sein Ende. Ich habe einen gewissen Einfluss darauf, die mir geschenkte Zeit zu gestalten, aber dieser Einfluss ist begrenzt. Es ist mein Leben - doch nur geliehen. Und nur an ganz besonderen Momenten haben wir das Gefühl: ich bin ganz bei mir selbst. In diesem Moment lebe ich. Ich denke, das ist Glück. Das sucht der 15 Jährige mit seinem Mofa, die 18 Jährige auf der Party, und der 80 Jährige Palliativpatient nach dem Schlaganfall meint, er hat es für immer verloren.

 

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 

 

Auf dem Bild zur Jahreslosung sehen wir frisches Wasser über Steine fließen, die als Kreuz gelegt sind. Wir sehen frisches, sauberes Wasser. Wir sehen ein Kreuz. 

 

Paulus schreibt: 3 Ihr wisst doch: Bei unserer Taufe wurden wir förmlich in Christus Jesus hineingetaucht. So wurden wir bei der Taufe

in seinen Tod mit hineingenommen.

 

Im Wasser der Taufe wird unser Leben eins mit Christus. Im Wasser der Taufe wird unser Sterben eins mit Christus. Und so gilt für uns, was Paulus sagt: „Wenn wir nun mit Christus gestorben sind, dann werden wir auch mit ihm leben. Das ist unser Glaube.“

 

Wir wurden förmlich in Christus hineingetaucht, schreibt Paulus. So sind wir mit ihm gestorben, so werden wir mit ihm leben. Das ist unser Glaube. 

 

Da ist die Quelle des Lebens. In Christus. In uns.

 

Bei jedem Einatmen darf ich es fühlen: Christus in mir.

Bei jedem Ausatmen darf ich es wissen: Christus in dir. 

 

Die Quelle des Lebens. Für dich und für mich. Umsonst.

 

Wir Menschen dürsten nach Leben. Denn das Leben gehört nicht uns. Es ist uns verliehen. Doch in Christus wird es uns geschenkt. Wirklich geschenkt. Wir müssen nur…

 

Nein, wir müssen nicht. Wir dürfen uns einfach darauf verlassen. Einatmen, ausatmen. Das Herz spüren. Die Freude spüren. Die Trauer spüren. Den Ärger spüren. Die Enttäuschung spüren. Die Lust spüren. Den Schmerz spüren. Es ist uns geschenkt. In Christus. Er ist die Quelle des Lebens, im Leben und im Sterben. Was wir von dieser Quelle nehmen, ist uns geschenkt. 

 

Wir können nichts festhalten. Glück und Leid kommen und gehen, gleichermaßen. Und beide gehören dazu zu diesem Leben. Wem es gelingt, beide aus Gottes Hand zu nehmen, der hat diese Quelle des Lebens gefunden.

Wem es gelingt, im rasenden Strom des Lebens Ruhepunkte zu finden, der hat diese Quelle des Lebens gefunden.

Wem es gelingt, in den Dingen und Begegnungen des Alltags Gottes Liebe zu entdecken, der hat diese Quelle des Lebens gefunden.

 

Das kann der 15 jährige auf seinem Mofa sein. Bei seiner Spritztour über die Schotterwege ist er plötzlich an eine Stelle mit grandioser Aussicht gekommen. Das Mofa ist aus. Er sitzt auf einem Baumstamm. Still ist es um ihn. Er ist ganz bei sich. Und überwältigt von Schönheit und Leben.

Das kann die junge Frau mit den Tatoos und Piercings sein, die ihre Arbeit als Altenpflegehelferin hingebungsvoll macht. Und beim Waschen und Pflegen der alten und zerbrechlichen Körper in ihrer Station entdeckt sie ihre eigene Schönheit und Jugend und wie kostbar ihr Körper doch ist. Voller Dankbarkeit wäscht sie die alte Dame, voller Dankbarkeit fühlt sie das Piercing in ihrer Zunge und merkt: ich bin da. Ich lebe. Die alte Dame lebt. Und beide verbindet eine tiefe Liebe in diesem Moment.

Das kann der junge Mann auf der Karriereleiter sein. Ausgerechnet, als es nicht mehr so weitergeht, wie er sich das vorgestellt hatte, ausgerechnet, als der Erfolg plötzlich ausbleibt, merkt er: auch, wenn ich nicht befördert wurde - ich kann das, was ich tue, wirklich gut. Plötzlich tut er seine Arbeit aus Freude und nicht für die Karriere. Er lebt. 

Das kann die Frau mit den Groschenromanen sein. Sie ist erst peinlich berührt, als ihre Freundin den Stapel mit Arztheftchen und anderem Kitsch in einer Schublade entdeckt. Als diese daraus vorliest und sich vor lachen kaum halten kann, ist sie erst beleidigt - und lacht dann einfach mit. In verteilten Rollen lesen ein Heftchen und liegen sich dann beide in den Armen. Sie lebt. Sie leben. Und jetzt ist das Glück echt.

Das kann der 80 jährige Schlaganfallpatient sein. Die ersehnte Dosis Schlaftabletten bleibt ihm verwehrt. Dafür kommen ihn seine Kinder und Enkel besuchen, seine Freunde aus dem Dorf und aus dem Verein, aus seiner Kirchengemeinde. Die Verzweiflung über seine Hilflosigkeit überkommt ihn immer wieder. Aber immer wieder auch die Dankbarkeit für die Liebe und die Freundschaft, die er jetzt erfährt.

 

Der auf dem Thron saß, sagte: »Sieh doch: Ich mache alles neu!« Und er fuhr fort: »Schreib alles auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.« 6 Dann sagte er zu mir: »Es ist geschehen! Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer Durst hat, dem gebe ich umsonst zu trinken. Ich gebe ihm von der Quelle, aus der das Wasser des Lebens fließt. 7 Wer den Sieg erringt, wird das alles als Erbe erhalten. Ich werde sein Gott sein und er wird mein Kind sein.

 

Christus ist das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Von ihm kommt das Leben, zu ihm geht das Leben. Und er schenkt uns davon, soviel wir wollen und brauchen. So wie Gott den Kindern Israels Manna und Wachteln in der Wüste geschenkt hat. So wie der Krug der armen Witwe, bei der Elias Schutz fand, immer voll Getreide war. So wie sich Christus selbst immer wieder im Heiligen Abendmahl verschenkt. Wir dürfen Teil werden dieses Stroms, der in Christus seinen Anfang und in Christus sein Ende hat und der niemals zu fließen aufhört. Hineingetaucht sind wir bei unserer Taufe, und jetzt dürfen wir davon nehmen. Hier dürfen wir uns Leben nehmen. Denn hier macht es heil. Heiles Leben bei der wahren Quelle, aus der das Wasser des Lebens fließt.

 

Menschen haben Durst nach Leben. Ein Leben lang. Weil sie merken: das Leben gehört nicht mir. Es ist mir nur geliehen.  Doch wir sind hineingetaucht, mitten ins Leben. Es wird uns geschenkt. Durch den, der ist, der war und der da kommt, das A und das O, das Anfang und das Ende. Im Leben und im Sterben schenkt er uns von seinem Leben. Im Leben und im Sterben sind wir an der Quelle. Jetzt dürfen wir das an besonderen Punkten im Leben erfahren: in den Momenten, die wir aus Gottes Hand nehmen können, dankbaren Herzens und mit offenen Sinnen. Ein Lied von Peter Janssens beschreibt es so:

 

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung.

Stunden werden eingeschmolzen, und ein Glück ist da.

 

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung.

Sätze werden aufgebrochen und ein Lied ist da.

 

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung.

Waffen werden umgeschmiedet und ein Friede ist da.

 

Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung.

Sperren werden übersprungen und ein Geist ist da. 

 

Amen

 

Und der Friede Gottes, welcher ist höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinnen in Christus Jesus.

Amen